Frühlingsbräuche in der Alpenregion

Von am 9. Januar 2024 0 110 Views

Endlich ist er da – der Frühling!
„Vom Eise befreit sind Strom und Bäche durch des Frühlings holden, belebenden Blick“, so heißt es schon im „Osterspaziergang“ unseres Dichterfürsten Goethe. Die neu erwachende Natur gebührend zu begrüßen – schon das Frühlingserwachen zu Ostern symbolisiert eine liebgewonnene Tradition und stellt einen besonderen Genuss dar.

Blühende Obstbäume sind seit jeher Sinnbild für den Frühling. Wenn sich mit den Apfelbäumen, je nach Region zwischen der zweiten Aprilhälfte und Ende Mai in vollem Flor, der Blütenreigen schließt, ist nach dem phänologischen Kalender der Vorfrühling erreicht – der Zauber allen Anfangs!

Die Landschaft wird grün, und wir können uns über so manchen Frühblüher freuen, der endlich ein bisschen Farbe in die karge Landschaft bringt. Die Frühlingsmonate sind aber auch ein willkommenes Stichwort für die verschiedensten Frühlingsbräuche in der Alpenregion, die von vielen unterschiedlichen Aspekten getragen werden – vom Grasausläuten im Karwendel, über den jährlichen Almauftrieb bis zur Maibutter in Tirol, echtes Brauchtum hat viele Gesichter!

Frühlingsbräuche in der Alpenregion

Frühlingsbräuche in der Alpenregion sind ein faszinierendes Mosaik aus Traditionen, das tief in der Kultur und Geschichte dieser einzigartigen Landschaft verwurzelt ist. Mit dem Ende des Winters und dem Erwachen der Natur beginnt in den Alpentälern eine Zeit der Erneuerung und des Feierns. Jedes Tal, jede Gemeinde hat dabei ihre eigenen, oft seit Jahrhunderten überlieferten Riten und Feste, mit denen die Menschen den Frühling willkommen heißen und den Winter verabschieden.

Diese Bräuche sind so vielfältig wie die Region selbst und reichen von einfachen Ritualen bis hin zu ausgelassenen Festen, die ganze Dörfer zusammenbringen. Sie spiegeln nicht nur die Freude über die Rückkehr des Lebens nach der kalten Jahreszeit wider, sondern haben auch oft einen tieferen, symbolischen Gehalt: Sie sollen Glück bringen, die Fruchtbarkeit der Felder sichern und böse Geister vertreiben.

In vielen Orten wird das traditionelle Handwerk gepflegt, und die Vorbereitungen für die Feste sind eine Gemeinschaftsleistung, an der Alt und Jung teilhaben.

Von den majestätischen Gipfeln der Schweiz bis zu den sanften Hügeln Oberbayerns, von den ländlichen Gebieten Österreichs bis zu den abgelegenen Dörfern Norditaliens – überall in der Alpenregion zeugen diese farbenfrohen und lebendigen Bräuche von einem tiefen Respekt vor der Natur und dem Rhythmus der Jahreszeiten.

Viele Frühlingsbräuche haben naturgemäß auch einen Bezug zum bedeutendsten christlichen Fest: Ostern.

In Zürich wird der Winter vertrieben, indem das Verbrennen des Bööggs seinen Lauf nimmt. Denn das Sechseläuten wird von den Zünften gefeiert. Diese ziehen in ihren historischen Kostümen durch Zürich bis zum Sechseläutenplatz, wo der Scheiterhaufen mit dem Böögg steht. Der Böögg ist ein riesiger künstlicher Schneemann aus Stoff, Holzwolle und Knallpetarden, der dann angezündet wird. Je schneller der Böögg explodiert, desto länger und wärmer wird der kommende Sommer.

Aber jede Region feiert Ostern und die Frühlingsfeste auf ganz individuelle Art & Weise. Im Dorf Mendrisio im Tessin stehen am Gründonnerstag sowie am Karfreitag Osterprozessionen auf der Tagesordnung, bei denen sich hunderte Teilnehmer zusammenfinden.

In Romont, einem Städtchen im freiburgischen, pflegt man die Zeremonie der „Pleureuses“ – auf das 15. Jahrhundert zurückgehend, schwingen hier die Klageweiber das Zepter. Dabei folgen schwarz verhüllte Frauen einem jungen Mädchen, welches die Jungfrau Maria darstellen soll, durch die Straßen von Romont – und wie kann es bei Klageweibern anders sein, es folgen Gebete und erklingen liturgische Gesänge.

Im Wallis sind Ringkuhkämpfe das gesellschaftliche Highlight im Bauernjahr. Und erfreuen sich, wie derzeit Schweizer Brauchtum allgemein, steigender Beliebtheit. Hier gehen die Tiere, kopfvoran, mit ihren teils gewaltigen Hörnern aufeinander los. Und es gibt natürlich auch ein Kampfgericht, das die siegreiche Kuh dann als „Königin“ krönt.

Sollte dieses Spektakel nichts für Sie sein, wie wäre es mit dem Alemannischen Brauchtum, das auch auf prasselnde Frühlingsfeuer verweisen kann? Überhaupt ist das schöne Brauchtum der Alemannen eng mit den Aspekten – urtümlich, archaisch, wild – verbunden.

Die Alemania – Randgebiet mitten im Herzen von Europa – war und ist Peripherie. Jedoch hat sich das Eigentümliche, Unverwechselbare bis heute oft nur noch in den entlegenen Tälern erhalten können. Gerade die Alpen sind prädestiniert dafür, dass Dialekte, Gepflogenheiten und schöne Bräuche, die aus ältester Zeit stammen, überdauert haben. Ihnen gilt jetzt unser Augenmerk hinsichtlich der Frühlingsbräuche.

Wer hat Angst vorm „Wilden Mann“?

Das Austreiben des Winters ist eng mit dem Einzug des Sommers verbunden. In der Alemania wird meist der Wilde Mann feierlich ins Dorf geführt – hinter ihm „versteckt“ sich aber, Gott sei Dank, ein mit viel Laub und Moos verkleideter Jüngling.

Basel hat den Vorteil, dass dieser hier schon im Jänner kommt und dann auf einem Floss in die Stadt einfährt – natürlich unter lautem Kanonendonner! In Kleinbasel, geht es dann an Land, wo, selbstverständlich unter dem Jubel der zahlreichen Zuschauer, mit dem „Lei“ sowie dem „Vogel Gryff“, den allseits bekannten Ehrenzeichen der Kleinbasler Zünfte, getanzt wird.

Die Baselbieter Dörfer freuen sich am Pfingstmontag über den Pfingstblütter. Dieses besondere Gaudi wird von den Jünglingen veranstaltet, denn einer der Ihrigen wird im Wald mit grünen Zweigen bedeckt, um dann jauchzend durch das Dorf geführt zu werden.

Auch das Eierlaufen nach Ostern gehört zu den beliebten Frühlingsbräuchen. Dieses, ein Spiel, das in Mannschaften gespielt wird, fordert den zwei Kontrahenten, den Eierlesern und den Läufern, so einiges ab – und so behandeln geschickte Eierleser & schnelle Läufer die kleinen Runden, als wären rohe Eier am Start.

Maibäume am 1. Mai & Umzüge

Der Maibaum ist ein zentraler Bestandteil der Frühlingsbräuche in der Alpenregion und stellt eine der farbenfrohsten und bekanntesten Traditionen dar. Mit seinen kunstvoll bemalten Schildern, die Handwerk, Zünfte oder lokale Besonderheiten abbilden, ragt er als Symbol der Dorfgemeinschaft in den Himmel. Das Aufstellen des Maibaums ist ein festliches Ereignis, das von der Dorfbevölkerung gemeinsam vollzogen wird. Oftmals wird der Baum am Vorabend des ersten Mai von jungen Männern des Dorfes in einem feierlichen Zug zur Dorfmitte gebracht, begleitet von Blasmusik und in Trachten gekleideten Zuschauern.

Das Ritual des Maibaumaufstellens ist von Region zu Region unterschiedlich. In einigen Orten wird der Baum mit reiner Muskelkraft und unter Anwendung traditioneller Techniken aufgerichtet, während in anderen Orten moderne Hilfsmittel zum Einsatz kommen können. Egal welche Methode verwendet wird, das Aufstellen des Maibaums ist stets ein Schauspiel, das die Menschen zusammenbringt und die Dorfgemeinschaft stärkt.

Nicht selten finden sich um den Maibaum auch Wettbewerbe wie das Maibaumkraxeln, bei dem es darum geht, den glatt geschälten Stamm zu erklimmen und Preise zu ergattern, die oben angebracht sind. Diese Wettkämpfe sind nicht nur eine Demonstration von Geschicklichkeit, sondern auch ein großer Spaß für Teilnehmer und Zuschauer.

Doch der Maibaum ist nicht nur ein Symbol der Freude und des Miteinanders; er ist auch Objekt eines alten Brauchtums des „Maibaumstehlens“. In manchen Gegenden ist es Tradition, dass junge Männer aus benachbarten Dörfern versuchen, den Maibaum zu entwenden – eine List, die, wenn erfolgreich, Verhandlungen um seine Rückgabe nach sich zieht und oft mit einem gemeinsamen Fest endet.

Mit seinen vielseitigen Traditionen rund um das Aufstellen und Feiern spiegelt der Maibaum die sozialen Strukturen und den kulturellen Reichtum der Alpenregion wider. Er steht für Wachstum, Fruchtbarkeit und die Verbundenheit zur Natur sowie zur lokalen Kultur und ist somit ein unverzichtbarer Teil des Frühjahrs und Ausdruck alpiner Lebensart.

Auch in Alemania werden Maibäume aufgestellt, allerdings gibt es einen kleinen Unterschied. Der einzige Unterschied besteht darin, dass der Maibaum auf einem Brunnen platziert wird. Darum wird der Maibaum in den Baselbieter Dörfern auch als Brunnenbaum bezeichnet.

Die Nordwestschweiz geht sogar noch einen kleinen Schritt weiter, denn dort ist es üblich, diese Festtagsfichte mit den Namen der Jungbürger zu schmücken.

Der kalendarische Übergang vom Frühling zum Sommer ist auch die Zeit, die mit vielen Prozessionen und Umritten einhergeht. In der Nordwestschweiz ist es am Himmelfahrtstag üblich, dass die gesamte Gemeinde die räumlichen Grenzen des Gemeindebanns abläuft. Halt gemacht wird schließlich in der Nähe eines großen Baumes, wo man es sich nicht nehmen lässt, ausgelassen zu zechen. Eigentlich auch kein Wunder, dass es bei diesen legendären Banntagen anschließend dann oft sehr derb zu- und hergeht, oder?

Almauftrieb – auf zur saftigen Sommerweide

Der astronomische Sommerbeginn bringt den Berggebieten aber dann auch den Almauftrieb. Mensch & Tier freuen sich auf die langen und lichten Tage auf den saftigen Sommerweiden.

Die Sennerinnen und Senner zieht es nun hinauf zu den Bergblumen und Wildbächen, und man mag es kaum glauben, aber die jetzt vorliegende anstrengende Almzeit gilt als die allerschönste des Jahres – denn jetzt fühlt man sich dem Himmel ein Stückchen näher!

Ein Gefühl von Freiheit macht sich breit und geht einher mit dem täglichen Leben in den einfachen, jedoch sehr liebevoll gebauten Alphütten. Dieser Alpauftrieb vollzieht sich in jedem Tal anders, und es ist den Sennern und ihrer Traditionsliebe zu verdanken, dass sich diese schöne Prozession bis in die heutigen Tage erhalten hat.

Die Frühlingsbräuche in der Alpenregion sind weit mehr als nur pittoreske Festivitäten; sie sind ein lebendiges Zeugnis der kulturellen Identität und des Zusammenhalts der Gemeinschaften, die diese Berge ihr Zuhause nennen. Sie spinnen das Band der Kontinuität von Generation zu Generation und tragen die Weisheit und Lebensfreude der Ahnen in die moderne Welt. In einer Zeit, in der die Globalisierung und der technologische Fortschritt unaufhaltsam voranschreiten, bieten diese Bräuche einen seltenen Ankerpunkt, eine Rückbesinnung auf das Einfache und Wesentliche.

Während wir den letzten Klängen der Alphörner lauschen und die letzten Girlanden im Abendwind tanzen sehen, bleibt die Hoffnung, dass diese Traditionen weiterhin gepflegt und bewahrt werden. Mögen sie auch zukünftigen Generationen als Inspirationsquelle dienen, um die Natur zu ehren, die Gemeinschaft zu feiern und das kulturelle Erbe der Alpenregion mit Stolz weiterzutragen. So schließt sich der Kreis des Jahres, und mit einem Blick voraus auf den kommenden Frühling erneuert sich das Versprechen, das in diesen alten Bräuchen liegt: das Versprechen von Erneuerung, Lebensfreude und dem ewigen Zyklus der Natur.

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